Manchmal schenkt einem das Leben unerwartete Überraschungen.// #1
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Heredia,
Costa Rica, Montag 16.März 7:37 Uhr.
Ich
wache in meinemZimmer in der Wohnung meiner Organisation Seprojoven
auf, wo ich nach der langen Wanderung und einem Kurztrip in Panama
zuletzt einige Tage verbracht und gearbeitet habe. Ich denke mir
nichts. Ich wollte heute ohnehin nach La Puna zurückfahren und packe
meine Tasche für die Busfahrt.
Heredia,
Costa Rica, Montag 16. März 8:01 Uhr.
Ich
schaue kurz auf mein Handy, will mir einen Bus raussuchen. Nanu? Eine
neue Mail von Brot für die Welt. "Betreff: Rückreise nach
Deutschland". Ich ahne Übles und als ich die Mail anklicke wird
das, was ich nicht für möglich gehalten habe, wahr. In der Mail
steht kurz zusammengefasst, dass wir Freiwilligen auf dringende
Empfehlung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (BMZ) wegen der weltweiten Ausbreitung des
Corona-Virus nach Deutschland zurückkehren müssen. In drei Tagen
ist mein Flug. Ich habe Zeit mich in drei Tagen von allen zu
"verabschieden" und mein Zeug zu packen. Ich bin perplex.
Mir schießen Tränen in die Augen und in mir kocht die Wut. Tausend
Fragen gehen mir durch den Kopf. Fragen wie: Warum Ich? Mir fehlen
doch noch fünf (!) Monate meines Freiwilligendienstes?! Wieso soll
ich nach Deutschland zurück - in ein Land, dass viel mehr von
Covid19 betroffen ist als Costa Rica? In La Puna wäre ich isoliert,
mir würde doch eh nichts passieren?! Ich hatte noch soo viel vor,
warum ausgerechnet jetzt? Ich habe mich super von meinem
Jahreswechseltief erholt und mir geht es gerade wieder blendend, ich
bin hochmotiviert und es stehen einige tolle Dinge an.. warum
verdammt nochmal trifft es mich und ausgerechnet jetzt? Wann ist der
ganze Mist vorbei? Wird alles mit dem Flug klappen? Wie soll ich so
schnell mein Zeug packen und mich hier verabschieden? Wann kann ich
wieder nach Costa Rica zurück? Ist das hier ein Film?!!...
Es
folgt eine Zeit des gar nicht mehr Nachdenkens und Reflektierens, nur
des Machens. Ich lasse alles stehen und liegen. Steige in den
nächsten Bus und fahre anstrengende acht Stunden nach La Puna. Ich
hatte meiner Gastmutter bereits Bescheid gesagt. Am Abend komme ich
bei meiner Gastfamilie an. Es herrscht gedrückte Stimmung.
Dienstag,
17.März 7:02 Uhr.
Ich
wache auf, packe meine Koffer, esse den letzten Pinto meiner
Gastmutter, trinke den aromatischen Kaffee und habe mich den
Vormittag mehr oder weniger von den Leuten aus La Puna zu
"verabschieden", bei denen es mir wichtig ist. Alle sind
ungläubig. Viele drücken mich unter Tränen. Um 11:30 muss ich mich
wieder auf den Weg machen. Schließlich habe ich acht Stunden Fahrt
vor mir. Meine Gastmutter ist aufgelöst in Tränen. Meine
Gastfamilie verabschiedet sich schweren Herzens. Und tschüss. Bis
hoffentlich bald.
[...]
San
José, Aeropuerto Internacional Juan Santamaria, Donnerstag, 19.März,
11:01 Uhr.
Ein
letztes Drücken mit den Freunden und der Crew von Seprojoven. Ich
bin wieder halbwegs frohen Mutes. Vielleicht weil wir noch einen sehr
schönen letzten Abend hatten. Vielleicht weil ich auch über
Vergangenes und Bevorstehendes nachdenke. Der internationale
Flugverkehr ist schon stark eingeschränkt. Noch ist unklar, ob wir
reibungslos durchkommen. Route: San José - Mexiko City - Frankfurt
am Main.
über Ciudad de Mexico: nie habe ich eine flächenmäßig größere Stadt gesehen. Ich konnte nirgendwo sehen, dass die Häuser irgendwann aufhören...
Frankfurt
am Main, Flughafen, Freitag 20.März, 14:40 Uhr.
Fünfundzwanzig
Stunden bin ich schon auf den Beinen. Nach sieben Monaten, vier Tagen
und fast fünfzehn Stunden betrete ich mal wieder deutschen Boden. Es
fühlt sich überaus komisch an. Das Corona-Virus ist in Deutschland
schon viel mehr präsent, als in Costa Rica, wo sich alle noch
unbekümmert durch die vollen Straßen drängeln. Da bin ich also.
Alemania, dem Land von dem ich die letzten sieben Monate überwiegend
positive Dinge erzählt habe. Jetzt im Affekt frage ich mich
eigentlich wieso. Puh, Deutsche habe ich echt nicht vermisst. Werde
angepflaumt, weil ich wohl zu nah an einem Mülleimer stehe. Bestelle
mir bei LeCrobag
am Frankfurter Fernbahnhof ein labbriges Tomate-Mozzarrella-Sandwich
– versehentlich auf Spanisch – und bin völlig überfordert
wieder mit Euro-Münzen zu hantieren. Im ICE nach Dresden begrüßt
die Schaffnerin in feinstem Sächsisch: "Scheeen guden Doag, mir
begrießen herzlisch alle Foargäsde im ICEyy nach Dreysdn. Mir
wünschn Ihnnn eene angeneeme Foart." Na toll, da weißte ja
direkt wieder wo de bist, denk ich mir. Der ICE ist eigentlich
komplett leer. Ich blicke aus dem Fenster erwarte Bananenstauden,
Palmen und die gewohnt saftig grüne Natur. Was sehe ich? Grauen
Himmel, abbröckelnde Fassaden rauher Frankfurter
Vororts-Reihenhäuser, düstere Felder, kahle Buchenbäume und
kantige Fichten. Den deutschen Mischwald hatte ich anders in
Erinnerung. Das ist ja das absolute deutsche Klischee, vielleicht ist
es ja wirklich nur ein Film, denke ich...
Worauf
es aber wirklich ankommt: ich bin gesund, meine Familie ist gesund
und ich freu mich sie zu sehen (leider nicht in den Arm nehmen zu
können). Vor allem habe ich mich auf meine Freundin Cara gefreut -
ein großer Lichtblick bei alledem. An dieser Stelle muss ich auch
meiner Entsendeorganisation Brot für die Welt danken. Ich habe mich
sehr gut auf den Dienst vorbereitet gefühlt! Neben Begleitung und
Reflexion die immer einen wichtigen Stellenwert einnehmen, danke Ich
auch für ein überaus angenehmes familiäres Ambiente und extreme
Zuverlässigkeit. Sie haben großen Anteil daran, dass ich – der
Situation geschuldet – so schnell und reibungslos nach Deutschland
zurückgekommen bin.
[Es
folgen zwei Wochen freiwillige Quarantäne, zwei weitere Wochen und
Ostern, endlich keimende Knospen an den Bäumen, wunderschöne
blühende Kirschblüten und eine Zeit in der es mir immer noch schwer
fällt die Situation zu akzeptieren.]
Es
hilft jedoch nichts, sich von der Realität abzulenken. Man muss ihr
furchtlos ins Antlitz blicken!
Zeit
Danke zu sagen, zu reflektieren und einen ersten Strich unter dieses
schöne Kapitel “7 Monate in Costa Rica” zu setzen. Denn entgegen
der ersten Ankündigungen scheint es nicht, ich könne nochmal so
schnell zurückkehren. Aber wie der Titel dieses Eintrags schon
treffend sagt: manchmal schenkt einem das Leben unerwartete Überraschungen.
Teil #2 des Eintrags folgt im nächsten Post.
Blick über das valle central Costa Ricas.


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