Manchmal schenkt einem das Leben unerwartete Überraschungen.// #2
#2
Ich
sitze hier nun in Dresden, die kühle Aprilsonne blendet mich etwas,
ich habe mich genug abgelenkt; Zeit ein Resumé zu ziehen. Ein
Resumé, dass ich euch Lesern und Unterstützern schuldig bin! Ein
Resumé, das ich mir selbst schuldig bin. Ein Resumé, dass ich Costa
Rica schuldig bin.
Etwas
mehr als sieben Monate habe ich nun in diesem wundervollen Land Costa
Rica gelebt, gelernt und bin gewachsen. Ich bin froh kein Tourist
gewesen zu sein sondern mir wurde das Gefühl gegeben akzeptiert,
integriert und zuhause zu sein. Das ist das wertvollste Gefühl, das
man haben kann. Auch wenn ich bis heute nie im Norden des Landes war,
ich habe das Gefühl Costa Rica inzwischen ganz gut zu kennen. Von
vielen Seiten habe ich dieses Land sehen können, habe zahlreiche
Bekanntschaften gemacht und Freundschaften geschlossen. Ich habe
meinen Horizont über die Indigene Kultur des Landes erweitert, habe
sieben Dörfer (La Casona, Amubri, Montesión, Salitre, Ujarrás, Rey
Curré und Boruca) genauer kennenlernen dürfen und mit der
ansässigen Bevölkerung gearbeitet. Ich habe durch meine
Organisation Seprojoven, deren Mitarbeiter wirklich enge Freunde von
mir geworden sind, einen klaren Blick darauf bekommen und
Sensibilität dafür entwickelt, was es bedeutet, in Armut in
marginalisierten Stadtvierteln und Gemeinden zu leben. Mir wurde vor
Augen geführt wie privilegiert ich bin und wie gut es mir
vergleichsweise geht. Doch genau aus diesem Wissen heraus konnte ich
mit noch größerer Motivation etwas zurückgeben. Die Kraft und der
soziale Faktor von Fußball und Sport sind für mich spürbar
geworden und ich habe sie für andere spürbar gemacht. Nicht nur in
La Puna mit den Kindern, auch in Heredia mit den Mädchen und jungen
Frauen, auch um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Ich habe
bewundernd dabei zugesehen, was für emanzipierte, starke Mädchen
und Frauen sie durch die Arbeit von Seprojoven sind.
Das
Dorf La Puna, wo ich die meiste Zeit gelebt habe, hat mich stark
geprägt. Es ist ein kleines bäuerliches Dorf, wo die Menschen
entweder von der Landwirtschaft oder der in der Nähe etablierten
Ananas-Firma Pindeco
leben und
“ausgebeutet” werden. Ich habe beträchtliches über
Landwirtschaft, Pflanzen und Tiere lernen dürfen und erfahren, was
es heißt ein Bauer in Costa Rica zu sein. Ich werde nicht einfach
mehr so selbstverständlich durch die Regale eines Supermarktes
laufen und mir einfach nehmen, worauf ich Lust habe. Ich werde es
mehr wertschätzen und mich daran erinnern, was es bedeutet, jeden
Tag um 4:45Uhr morgens aufzustehen und dann in der prallen Hitze
acht bis zwölf Stunden schwere körperliche Arbeit zu verrichten. La
Puna und den Menschen dort verdanke ich Vieles, allerhand neu
Erlerntes und ich werde einiges an ihnen vermissen. Manchmal dachte
ich wirklich ich bin wirklich in einem lateinamerikanischen
Klischee-Bauerndorf unter Campesinos gelandet. Ich lernte Motorrad-
und Autofahren (war übrigens gerade dabei in Costa Rica meinen
Führerschein zu machen), habe mein erstes Huhn, auch mein erstes
Schwein geschlachtet, bin reichlich mit dem Pferd geritten, war für
La Punas Fußballteam erfolgreich gewesen, habe an einem Rodeo
teilgenommen, das Costa Ricanische Spanisch und den Slang nahezu bis
zur Perfektion gelernt, die wichtigsten Tänze Merengue, Cumbia und
Bachata gelernt, das einfache, genügsame Leben genossen, die Natur
um mich herum verliebt beobachtet, kulinarisch performt und viele,
viele weitere manchmal verrückte Dinge erlebt und gelernt, die ich
hier lieber nicht erwähne...
Eine
so einseitige, positive Betrachtung Costa Ricas wäre jedoch zu
einfach und auch falsch. Jede Münze hat zwei Seiten und so gehört
neben all dem Positiven, dass Costa Rica zu bieten hat auch einiges,
was mich durchaus gestört, irritiert und geschockt hat. Zum Einen
wäre da der wirklich weit verbreitete Machismo.
Ich habe so viele Männer kennengelernt, die Frauen wirklich nur auf
Sexualobjekte reduzieren. Und die Anzahl der Femizide, von denen
während meines siebenmonatigen Aufenthalts in den nationalen
Nachrichten berichtet wurde kann ich nicht (!) an einer Hand
abzählen. Ja, Frauen haben es sehr schwer in Costa Rica und sind oft
von ihren Männern abhängig. Fremdgehen der Männer oder sexuelle
Belästigung kommt nicht selten vor. Ich konnte mich “froh”
schätzen dort ein Mann gewesen zu sein. Weibliche Mitfreiwillige von
mir hatten durchaus andere unangenehme Geschichten zu berichten.
Costa Rica – das muss man ganz klar sagen – hat ein
Machismo-Problem.
Aber auch als Mann ist es in den Großstädten, wie San José,
Heredia oder Alajuela schwierig, denn es gibt eine sehr hohe
Kriminalitätsrate. Das ist nicht aus der Luft gegriffen: ich kenne
drei Mitfreiwillige die von bewaffneten Männern(-gruppen) überfallen
wurden und auch ich hatte einmal Glück als ein Mann in San José mir
gerade an der Straßenecke sein Messer offenbaren wollte, die Polizei
kam und er geflohen ist. Jedoch muss ich hier betonen, dass
keinesfalls an jeder Ecke Gefahr lauert. Man muss einfach umsichtig,
vorsichtig und nicht naiv sein. Auf dem Land muss man sich über so
etwas aber auf keinen Fall Sorgen machen. Es ist auf jeden Fall
Luxus, eine Bewegungsfreiheit wie in Deutschland (vor Corona!) zu
besitzen.
Darüber
hinaus störte mich in La Puna manchmal diese extreme Religiosität
(Costa Rica ist überwiegend katholisch). Alles wurde wirklich mit
Gott und La Virgen begründet. Und wer wirklich glaubt, dass Gott und
Jesus uns vor Corona beschützen werden, der lebt noch nicht im 21.
Jahrhundert. Tut mir leid das so drastisch auszudrücken. Ein anderes
Erlebnis war beispielsweise, als ich auf die Frage welcher Religion
ich angehöre und ob ich getauft sei “Nein.” antwortete. Die
ungläubige Antwort: “Wie? Du bist nicht getauft? Das geht? Du
weißt schon, dass du dann in die Hölle kommst oder?!” So was war
mir manchmal echt zu viel, mich immer wieder zu rechtfertigen. Damit
einher ging, dass ich in La Puna auf Dauer etwas das Gefühl hatte
intellektuell „auszutrocknen”. Ganz egal wie arrogant das klingen
mag, aber reihenweise Gespräche unter den Menschen drehten sich um
Motorräder, Saufen, Fußball, Frauen aber vor allem Geld. Das war
jetzt nicht unbedingt das, was mich Tag ein Tag aus erfüllt.
Interessent war meine unterbewusste Trotzreaktion, denn ich las so
viel wie lange nicht mehr und pumpte mich mit Politik- und
Geschichtspodcasts zu. Ein gutes Zeichen. Ich möchte die Menschen
aber keineswegs in so einem Licht stehen lassen, dazu gleich mehr.
Ferner
habe ich oft das Gefühl, dass ein ökologisches Bewusstsein in der
Gesellschaft kaum verbreitet ist. Kaum Menschen trennen ihren Müll.
Es liegt auch generell enorm viel Müll in der Gegend rum, ob Land
oder Stadt. Auf dem Land wird der Müll sogar einfach nur verbrannt
und setzt dabei giftige Gase aus. Gefühlt alles wird in extra
Plastik gepackt und neben viel Bio-Gemüse gibt es auch viel
gespritztes Obst. Außerdem sind große Ananas-, Zuckerrohr- und
Bananenmonokulturen etabliert.
Neben
den negativen Seiten gibt es jedoch so viel mehr Positives zu
berichten. So viel, das mich begeistert und bereichert hat. Die
unglaubliche Gastfreundlichkeit der Menschen. Man wird überall
eingeladen und kein Haus, das man betritt, fühlt sich an wie
Privateigentum. Man wird ständig irgendwo, wo man vorbeikommt, zum
Cafesito eingeladen und hat dann einen netten Plausch. Die Ticos (Costa Ricaner) sind echt ein freundliches und offenes Völkchen. Auch die
Warmherzigkeit zieht sich durchs Land. Man spürt einfach Wärme ums
Herz. Von der Marktverkäuferin, die einen liebevoll “Mí amor”
oder “Mí corazón” nennt. Oder der Großzügigkeit und
Hilfsbereitschaft gegenüber dem Nächsten. Generell habe ich nur
Erfahrungen gemacht, bei denen ich das Gefühl hatte, dass es so
etwas wie eine Distanziertheit (wie in Deutschland) quasi gar nicht
gibt. Jeder grüßt sich freundlich und man hat bei jedem Tico das
Gefühl, wenn er dich anspricht, er sei dein Freund. Das Gefühl von
Freundschaft hat man generell bei den Ticos sehr schnell, weshalb ich
mich wohl auch sehr heimisch gefühlt habe. So etwas, wie betretene
Stille habe ich in Costa Rica übrigens auch nie erlebt. Es gibt
irgendwie immer etwas zu bereden. Auch die banalsten Dinge, z.B. ob
dem Hund wohl das Hundefutter heute Morgen geschmeckt hat. Ich muss
zugeben, die Tiefgründigkeit einiger Gespräche ist zu
hinterfragen...
Ein
wesentlicher Punkt, der meine Endorphinausschüttung konstant am
Laufen gehalten hat, war die atemberaubende Natur. Ich habe nie so
viele Grüntöne gesehen. Costa Rica hat sie mir gezeigt. Costa Rica
ist bergig. Costa Rica hat verwilderten Regenwald. Costa Rica hat
eine unfassbar facettenreiche Tierwelt. Es mag blöd klingen, aber
Affen waren “Standard”.
Costa Rica hat schier unzählige Wasserfälle. Es gibt keinen, dessen
Wasser nicht auf meinen Nacken geprasselt ist. Und Costa Rica hat mit
Abstand die schönsten Strände, die ich je in meinem Leben gesehen
habe. Ich denke die ganzen Fotos, die ich bisher auf diesem Blog
hochgeladen habe sprechen Bände.
Als
wichtigsten Punkt muss ich jedoch “Pura
Vida” nennen.
Es sind nicht nur einfach zwei Wörter, die den Slogan Costa Ricas
bilden (siehe meinen Blogeintrag dazu). Pura Vida ist ein
Lebensgefühl, das ich bis in meine letzte Ader gespürt habe. Diese
Lebenseinstellung “Genieße das Leben” “Alles Pura Vida”,
alles locker quasi, bringt so eine Gelassenheit und Lebensfreude
rüber. Das Pura Vida fließt durch meine Adern und kommt da nicht
mehr so schnell wieder heraus.
Da
sind wir abschließend beim richtigen Thema: was nehme ich persönlich
am Meisten für mich aus Costa Rica mit?
Ich
brauche nicht lange zu überlegen. Für meine Persönlichkeit sind
es: Großherzigkeit, Spendabilität, Ruhe, Geduld, Gelassenheit,
Direktheit, Standfestigkeit, Genuss, Unpünktlichkeit (wobei diese
relativ zu betrachten ist). Ich schwöre euch, wenn man mit der
Einstellung heran geht, dass man sich für alles die Zeit nimmt die
man braucht sind alle viel glücklicher und gelassener. In
Deutschland hat das bis jetzt zugegebenermaßen noch nicht optimal
geklappt, aber das wird. Y obviamente más que todo Pura
Vida!
Mir
bleiben unvergessliche Erlebnisse, braune Haut, ein zweites Zuhause
wo ich jederzeit willkommen bin und den Rest meines Herzens das ich
mit zurück nach Deutschland genommen habe, denn einen Teil habe ich
mit Gewissheit dort gelassen. Es war mit Sicherheit nicht mein
letztes Mal in Costa Rica. Ich bereue meine Entscheidung dieses
“verkürzte” Jahr gemacht zu haben keinesfalls und ich würde
mich jedes Mal gleich entscheiden. Für mich war es kein Adios,
es ist ein hasta
luego!
Ich
würde diesen langen Text gerne mit einem Zitat abschließen. Es ist
von Nelson Mandela und wurde mir bei meinem Vorbereitungsseminar in
meine persönliche Abschiedskarte geschrieben und flammte bei meiner
Ankunft in Deutschland wieder stark in meinem Gedächtnis auf.
“Nichts
ist vergleichbar mit dem guten Gefühl an einen vertrauten Ort
zurückzukehren und zu merken, wie sehr man sich verändert hat.” -
N.M.
Wer
weiß, wie alles weitergeht... manchmal schenkt einem das Leben
unerwartete Überraschungen... // A veces la vida ofrece sorpresitas
a uno...
Pura
Vida
Mauricio
Sinnbildlich: "Aus passiv... (1/2)
...wird aktiv!" (2/2)
Abschiedsfoto mit meiner Gastschwester Sara und den sechs Kindern meines Gastonkels Moma mit denen ich viel Zeit verbrachte.
Abschiedsfoto mit den Mitfreiwilligen von Seprojoven.
Abschiedsfoto mit Seprojoven.
Zwei meiner fünf Gastgeschwister (Sara und Gerardo) und meine zwei kleinen Gastcousins (Iker und Tiago) mit denen ich großen Spaß hatte.
Cahuita.
Unpünktlichkeit.
"Standard." ;)
Direktheit.
Geduld.
Gelassenheit.
Ruhe.
Genuss.
Sehnsucht.
Standfestigkeit.
Freiheit.

















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