Ciao Komfortzone.


15.10.2019 - Nachtrag.

Nun beginnt für mich ein neues Kapitel meines Freiwilligendienstes. Ich habe mich sehr gut in Costa Rica einleben können, war schon viel unterwegs gewesen, habe viel gesehen, viel erlebt, viel gelernt, bin viel mal hier mal dort gewesen und habe natürlich auch öfters mal meinen Blog vernachlässigt... ;)
Ich habe nun meinen bisherigen Wohnort in Heredia verlassen, habe das letztendlich doch recht komfortable valle central (das Zentraltal, wo sich San José und die anderen größeren Städte kumulieren) verabschiedet und bin nun erstmal bis Dezember mitten im nirgendwo in einem 300 Mann großen Bauerndorf namens La Puna. Das liegt ziemlich weit oben in den Bergen in der Nähe von Buenos Aires (in Costa Rica) und Portrero Grande. Für den Fall, dass das mal jemand auf der Karte nachschauen will, denn La Puna selbst ist tatsächlich nicht auf Google Maps zu finden. Ab jetzt bin ich wirklich jeglichem deutschen Einfluss entflohen und auch wirklich auf mich gestellt. Hier gibt es quasi kaum Netz, nur einen Tante Emma Laden von dem ich Wlan beziehe. Es fährt kein Bus, außer unter der Woche der Schulbus um 5:45 nach Portrero Grande. Mein "Zimmer" ist vielleicht 5qm groß und beihnhaltet ein Bett und einen Schreibtisch. Da das Haus nur aus Holz besteht und die Zimmerwände eher Trennwände sind, die nicht bis zur Decke hochgehen hört man alles. Hinzu kommt das volle Programm an Landleben auf das ich mich freue, da ich hier viel lernen kann, was ich als “Stadtkind” sonst nicht lernen würde. Untergebracht bin ich bei einer super netten Gastfamilie. Meine Gastmutter kocht übertrieben gut und ich habe schon die Befürchtung, dass ich nach Deutschland zurückrollen werde... Ich werde hier in La Puna vor Allem viel in der Grundschule und im Kindergarten arbeiten. Heute zum Beispiel an meinem ersten Arbeitstag hier habe ich Holzbretter mit wichtigen Werten (sei es Freiheit, Liebe, Ehrlichkeit oder gegenseitiger Respekt...(auf Spanisch natürlich)) bemalt, die dann im Schulgarten an die Bäume genagelt werden. Darüberhinaus werde ich ein bis zweimal die Woche Freizeitaktivitäten und rekreative Trainings mit den schrecklich liebenswürdigen Kindern hier durchführen. Auch in der Landwirtschaft soll ich mitarbeiten. Langweilig sollte mir also nicht werden. Erst recht nicht bei diesen konstant energiegeladenen Kindern, die mich schon nach den zwei Tagen hier unglaublich in ihr Herz geschlossen haben. Sie kommen auf mich zugerannt, als wär ich der Weihnachtsmann, haben mir schon offenbart, dass sie weinen werden, wenn ich wieder gehe und wollen ständig irgendwas mit mir unternehmen. Sei es reiten, angeln, schwimmen, Bingo spielen, malen oder insbesondere Fußball spielen. Ich werde hier auf jeden Fall noch öfter nein sagen müssen, um körperlich und mental nicht zu sehr zu ermüden, denn manchmal brauch ich auch einfach Entspannung und Privatsphäre. Jetzt wo ich diesen Text gerade verfasse, habe ich das aber schon ganz gut in den Griff bekommen :)
Wichtig über La Puna zu wissen ist, dass das Dorf quasi von den Ananasplantagen lebt, die weiter unten einige Landstriche überziehen. Eine große Ananas-Company hat dort Waldflächen aufgekauft und die Männer hier arbeiten unter – entschuldigung – Scheißbediungungen zu einem Witzlohn. Mein Gastvater Eric zum Beispiel muss im Winter sechs Tage die Woche, acht Stunden von 5:30 bis 13:30 arbeiten. Im Sommer sogar sieben Tage (!) und das zwölf Stunden (!!) am Tag. Und er hat keine andere Wahl, um seine Familie mit fünf Kindern zu ernähren (!!!). Und dennoch ist Eric ein super ausgeglichener, herzensguter Mensch! Ja ich komme hier sehr ins Nachdenken und führe mir immer wieder vor Augen was Privilegien und Lebensstandards für unterschiedliche Menschen bedeuten. Ein was kann man mir auf jeden Fall glauben: ich schätze das hier zu 110% wert, was für ein Glück ich habe, in so einem wohlhabendem Land, wie Deutschland aufgewachsen zu sein, gute Bildung genossen und jetzt die Möglichkeit zu haben diesen Freiwilligendienst zu absolvieren!
Mir steht hier auf jeden Fall eine sehr ungewisse Zeit bevor und ich bin tatsächlich etwas nervös, denn ich habe nun endgültig die Komfortzone verlassen. Meine ganzen Freunde und Kollegen lasse ich hinter mir und hab jetzt erstmal nur mich selbst. Es wird ein paar Tage/Wochen brauchen bis man sich ein neues "Netzwerk" an Leuten erstellt hat. Ein was hab ich jetzt schon gelernt: Orte sind so abhängig von Menschen! 
Schon jetzt bin ich wie eine Sinuskurve und pendel gedanklich ständig zwischen Aufs und Abs. Sicher liegt das aber einfach daran, dass ich hier nun wirklich in ein völlig neues Umfeld geschmissen wurde und ich Zeit brauche mich hier erstmal etwas einzuleben und alle Eindrücke und die neue Situation zu verarbeiten. Doch genau dafür bin ja hier: an meine Grenzen kommen, Herausforderungen bewältigen, um an ihnen zu wachsen! Um an dem Punkt an dem sich Komfortzone und Angstzone überschneiden eine Lernzone entstehen zu lassen.
In diesem Sinne
Pura Vida!


Der goldene Reiter.

Ausbeute, als ich mit den Kindern bei Dunkelheit Ananas von den Plantagen stehlen war. Natürlich muss ich tragen... 

Frisch aus dem Garten :)

morgendliche Sonnenstrahlen, die durch die Holzbretter auf mein Bett blinzeln.

auf dem Hinweg, als mich meine Kollegen bzw. eher Freunde von Seprojoven in La Puna abgesetzt haben erstmal in mitten der Ananas-Plantagen eine Reifenpanne gehabt.

hab mir inzwischen eine Angel selbst gebaut.

mit meinem Gastbruder und Gastcousin ein Fußballtor im Garten gebaut und dann im Regen und Schlamm gespielt, wie ein Zehnjähriger.

Manchmal setze ich mich hier an den nahegelegenen Fluss, um einfach mal ein bisschen Ruhe zu haben und zu mir selbst zu kommen.


in der Grundschule mit meinen Gastgeschwistern und mit den bemalten Brettern.

typisches Bauernfrühstück: Gallo Pinto und frischer Café.

das Haus, in dem ich wohne :)

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