Amubri, Talamanca oder Steintragen bis zum Umfallen


Zwischen dem 27. und dem 30. September waren wir als gesamtes Team von Seprojoven in Amubri, damit alle einmal die Möglichkeit hatten ein indigenes Dorf kennenzulernen. Ich hatte ja bisher als einziger das Privileg, als ich in La Casona war. Amubri ist ein indigenes Dorf der Ethnie BriBri im Süd-Osten des Landes ganz nah an der Grenze zu Panama. Das Dorf zu erreichen ist nicht gerade leicht, aber dafür abenteuerlich. Man nimmt den Bus von San José bis nach BriBri (6Stunden). Dann einen Klapperbus nach Shiroles am Río Telire (1Stunde). Daraufhin steigt man in ein schmales Holzboot, das einen über den Fluss bringt. Beeindruckt hat mich am Fluss das Bild von riesen Bergen von Kochbananen und Bananen, die mi ganzen Land und in alle Welt verteilt werden. Nebenbei bemerkt, Bananenstauden wachsen hier wie Unkraut. Die Fahrt mit dem Boot über den Fluss ist extrem schön, wenn auch kurz. Man blickt auf dichten Regenwald und bergiges Land. Wenn man auf der anderen Flussseite ankommt muss man nochmal zwanzig Minuten einen heruntergekommenen gelben Schulbus (wahrscheinlich aus den USA) bis man dann in Amubri ankommt. Angekommen war ich direkt wieder in diesem Sog von Magie und Abenteuer, den indigene Dörfer hier einfach auf mich ausstrahlen. Ich hab mich jetzt schon festgelegt, egal wie viel schöne, paradisische Orte Costa Rica zu bieten hat, nichts kommt an die indigenen Territorien heran. Wenn ich die Möglichkeit bekommen sollte, einen Teil meines Freiwilligendienstes in einem zu leben und lernen zu können werde ich auf keinen Fall nein sagen... Okay es ist schwer in Worte zu fassen, was mich daran so reizt und beeindruckt. Es ist die andere Lebensweise, das fängt schon bei den Häusern oder beim Kochen über dem Feuer an. Das Leben mi Einklang mit Natur. Die Spiritualität und der Glaube an Naturgeister. Naturmedizin. Die bewahrte Sprache (BriBri haben sie noch und die Ngöbe in La Casona auch). Trachten, Schmuck und vieles mehr... Betonen muss ich aber, dass westlicher Einfluss natürlich nicht ausgeblieben ist. In machen Orten mehr in manchen weniger. So steht in manchen Häusern plötzlich ein Gasherd oder ein Fernseher. Auch findet man leider immer mal wieder Plastikmüll auf den Wegen mi Djungel. Man darf die indigenen Territorien auf keinen Fall als isoliert und zurückgeblieben betrachten. Im Gegenteil. Dennoch wird – bei manchen Ethnien mehr, bei manchen weniger – Wert auf die Bewahrung der Tradition und Kultur wertgelegt.
So zum Beispiel in Amubri bei den BriBris. Dort findet einmal mi Jahr die sogenannte “Jala de la Piedra” statt. Wenn ich jetzt sagen würde, dass es einfach nur bedeutet einen Stein durch den Wald bis durchs Dorf zu tragen wäre das erstens untertrieben und zweitens beleidigend. Wir sind jedenfalls dieses Wochenende genau zu diesem Ritual gekommen. Bei der Jala de la piedra wird ein circa ein bis zwei Tonnen schwerer Stein etwas mehr als eine Stunde durch den Regenwald, den Fluss bis durchs Dorf getragen. Der Stein wird durch eine Art Holzbalkenkonstruktion befestigt und von zwanzig bis dreißig Männern getragen. Eine Liane ist an die Konstruktion gebunden und die Frauen gehen – oder soll ich sagen rennen? - vorneweg. Dieses Ritual ist sehr wichtig für die BriBri, denn der Stein symbolisiert so etwas wie den Samen für die Kraft und Lebensenergie und die guten Geister des Dorfes. Der Stein darf insgesamt nur viermal abgesetzt werden. In den Pausen wird dann immer Chicha (ein alkoholisches Getränk aus fermentiertem Mais) aus Kokosnuss oder anderen getrockneten Fruchtschalen getrunken. Beim tragen machen die indigenen dann immer so einen Laut. So ein kraftvolles “Aú! Aú!”, um sich gegenseitig Kraft zu geben. Es ist aber auch ein Ausdruck der Aufregung und Freude. Das Prinzip hab ich jetzt erstmal erklärt. Und jetzt ratet mal, wer das Privileg hatte bei dem Ritual mitzumachen und wer sich in allen Aspekten auch absolut reingesteigert hat. Erst habe ich mir gedacht, dass es als “Weißer” vielleicht etwas unangebracht ist an solch einem wichtigen indigenen Ritual teilzunehmen, doch ich wurde extra gefragt und so ein Erlebnis lass ich mir natürlich nicht entgehen! Es war wirklich unglaublich anstrengend und es hat sich so angefühlt, als würde man den Stein alleine tragen, obwohl wir so viele waren. Darüberhinaus war es ein absoluter Gänsehautmoment für mich, als wir “Aú”-Schreiend aus dem Fluss mit dem Stein auf das Dorf zu kamen und alle uns zujubelten. Es wird sicher ein Moment diesen Jahres sein, der sich besonders bei mir einprägt... Am Abend ging es weiter und es wurde bis in die Nacht getanzt und Chicha getrunken, bis ich mich irgendwann in meine Hängematte sinken ließ und nach diesem kraftraubenden und ereignisreichen Tag einschlief. Auch am Sonntag genoss ich diesen Aufenthalt in Amubri in vollen Zügen und rief mir dauernd ins Gedächtnis welches Glück ich habe, hier zu sein!




das Haus eines Freundes in dem wir einige Zeit verbrachten und Café tranken...


Liebe auf den ersten Blick.

das spirituelle Zentrum Amubris.


Río Telire am Abend.

Überfahrt mit dem Holzboot.

nach diesen Eindrücken, nun die Jala de la piedra: credits für die Bilder an Shanny aus Amubri.

die Stein-Balken-Konstruktion.


ich bin nicht riesig, die anderen sind einfach nur klein...





erschöpft, verchwitzt aber glücklich.



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